Selbst die kleinste Münze in Arelas hat eine Geschichte – und diese hier ist löchriger, als man denkt. Diese hier beginnt mit einem Knub.
Der Abend war still.
Das Feuer knackte, die Sterne standen funkelnd am Himmel, und Mileš lag auf dem Rücken, die Beine übereinandergeschlagen, die Ranken um den Körper gewickelt. Er warf eine kleine Münze in die Luft. Wieder und wieder. Sie blinkte im Schein der Glut – Kupfer, rund, dick, unscheinbar. Und mit vier seltsamen Löchern.
„Silian?“, fragte er schließlich und richtete sich ein wenig auf. „Warum hat der Knub eigentlich Löcher? Ich mein… vier? Nicht eins, nicht zwei. Vier. Macht das irgendeinen Sinn?“
Silian blinzelte aus seinem Umhang hervor, der mehr aus Schatten als aus Stoff zu bestehen schien. „Weil’s mal ein Knopf war“, sagte er ruhig.
Mileš drehte den Kopf. „Ein Knopf? Das, womit ihr eure Kleidung schließt?“
„Genau so ein Knopf. Ein echter. Zum Zuknöpfen. An Hemden. Jacken. Hosen.“ Silian betrachtete Mileš der immer noch mit der kleinen kupfernen Münze spielte. „Damals, als man nicht nur mit Münzen, sondern mit fast jedem Gegenstand gezahlt, getauscht und gehandelt hat.“
Mileš runzelte die Stirn. „Also… wir zahlen heute mit… abgerissenen Bekleidungsaccessoires?“
Silian grinste. „Naja – ein Knopf oder Knub ist nicht nur ein Accessoire. Er erfüllt einen Zweck.“
„Ähm – wenn man einen Zweck darin sieht, sich in kratziges Leinen zu hüllen – ja“, konterte Mileš grinsend.
Leise lachend fuhr Silian fort: „Wir zahlen mit Erinnerung. Der Knub ist mehr als ein Stück Kupfer. Er ist Geschichte. Die vier Löcher – die waren mal für Fäden. Um ihn sicher zu befestigen. Heute stehen die vier Löcher für Bedeutung.“
Mileš ließ die Münze zwischen Daumen und Zeigefinger tanzen während Silian weitererzählte.
„Die Bezeichnungen in Arelas verschwimmen. Manche sagen Knopf, manche Knub.
Mit Knopf ist immer nur der an der Kleidung gemeint. Knub kann beides bedeuten – auch Zahlungsmittel.“
„Knub – gesprochen Knuub, mit einem langen, stolzen U.“
(Vermerk aus dem Entstehungsprotokoll von Arelas, verfasst unter Kaffeeeinfluss in der dritten Stunde nach Mitternacht.)
Silian nahm seinen Becher und trank einen Schluck Tee. „Wer etwas auf sich hielt, hatte Kupferknöpfe statt Holz. Früher, so erzählt man sich, war ein Knub wirklich nur ein Knopf – aber wenn du kein Geld hattest, hast du ihn dir halt von der Jacke gerissen, um wenigstens etwas zum Tauschen zu haben.
Daraus entstanden auch Redewendungen. Weißt du, wenn jemand richtig arm war, sagte man: ‚Dem sitzt die Hose aber locker.‘ – Heißt so viel wie: arm wie ein Brötchen ohne Belag.
Die gleiche Bedeutung hat: ‚Ich hab nur noch einen verdammten Knopf am Wams.‘
Und die Stammgäste in den Tavernen – nachdem sie ihr letztes Geld verspielt hatten – hörte man oft sagen: ‚Ich glaub jetzt habe ich sogar meinen Hosenknub verloren‘
Auf seine Hände schauend, fing Mileš mit dem Knub das rötliche Licht des Feuers ein.
„Und warum vier Löcher? Warum nicht drei? Oder fünf? Oder…?“
Silian sah ihn an und entgegnete ruhig: „Weil vier alles ist, was du brauchst, um etwas zusammenzuhalten: Halt, Hoffnung, Treue, Liebe.“
Mileš nickte. Dann warf er die Münze noch einmal in die Luft, fing sie auf und murmelte: „Verrückte Menschen. Tragen Kleidung, zahlen mit Knöpfen… Irgendwann kommt noch jemand auf die wahnsinnige Idee, mit bunt bedrucktem Pergament zu zahlen: ‚Hier, das ist so viel wert wie sieben Goldmünzen.‘“ Kopfschüttelnd kicherte er – leise, wie man eben kichert, wenn man über etwas lacht, das nie passiert ist. Aber passieren könnte. In irgendeiner verrückten, sehr unlogischen Fantasy -Welt.
So saßen sie noch ein wenig beisammen, schauten den Funken nach, die in den Himmel aufstiegen, mit den Sternen tanzten und dachten an alte Geschichten. Geschichten die eine Welt erschufen. Geschichten die lebendig waren.